48-Stunden-Neukölln 2014

Wandelnde Texte –
Schreibmarathon zum Kunstfestival „48 Stunden Neukölln“

Kreatives Schreiben in fünf Ateliers und Galerien im „Körnerkiez“ anlässlich des Kunstfestivals 48 Stunden Neukölln vom 27. bis 29. Juni 2014.

Freitag Nachmittag zur Eröffnung des Festivals finden sich fünf Hobbyautoren und Autorinnen im Atelier von Kristina Berning in der Jonasstraße 23 ein. Noch frisch und munter instruiert uns die Poesiepädagogin Kirsten Heidler noch einmal. Jede und jeder suchen sich ein oder mehrere Kunstwerke aus und schreiben innerhalb einer halben Stunde eine Geschichte, ein Gedicht oder einen Spruch. Am folgenden Samstag und am Sonntag lesen wir die Texte, während einer Führung durch die Galerien, vor.

Rita, Sebastian, Jürgen, Kirsten und ich schwärmen im Atelier aus, wobei wir schon nach drei großen Schritten an der Wand angekommen sind. Klein aber fein!

Mich hat gleich am Eingang ein filigranes Mobile von Diana Sirianni mit dem Titel „Desorden en palacio“ (Unordnung im Palast) angezogen, und Folgendes ist mir dazu eingefallen:

Diana Sirianni „Desorden en palacio“ im Atelier Kristina Berning

Diana Sirianni „Desorden en Palacio“
im Atelier Kristina Berning

Aus der Durchfahrt rechts durch die Tür, bis zum Ende und links herum ins Atelier. Ausgebremst! Ein feines kleines Universum rückt in den Blick. Unendliche zehn Zentimeter trennen einen schillernden lila Schnipsel vom schwebenden Holzabschnitt mit Astloch. Atemberaubende Weiten trennen schwebende Körper. Komme ich ihnen zu nahe, bewegt sie mein Atem. Ich stecke meinen Kopf hinein. Ein blendender Silberschnipsel zieht die Aufmerksamkeit meines linken Auges auf sich, doch gleich lenkt mich das rechte ab. Leuchtende lilarotgelbe Folie schwingt über einem Schaumstoffkrümel, der sich mit einer Stahlnadel an der Photopappe festhält. Die Drei drehen sich im Luftzug.

Ich setze mich auf den Boden. Schon schwebt ein Mobile vor mir. Ein von der Kehrschaufel gesprungener Asteroidengürtel steht wie Staub in der Luft, und verspannt sich im Raum. Mit Abstand erscheint mir das Ganze nun wie ein Gespinst. Leicht und zerbrechlich stabilisiert es sich zwischen Decke, Blechregal, kupfernen Rohren und Dielenboden.

Vor dem Fenster sehe ich ins Gespräch vertiefte rauchende Frauen. Die Abendsonne scheint durch die Kastanie in den Hof, doch die Glühbirne an der Decke kommt gegen den Himmelskörper nicht an.

Da draußen ist die Welt, hier ist Kunst!

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Wir verlassen das Atelier Kristina Bernings. Auf der Straße schlendern wir bis zur nächsten Galerie. Gegenüber in der Eckgalerie suchen wir das Bakterienlabor von Janine Hönig. Vergeblich; dafür finden wir gesellige Menschen. Vorm Schaufenster eine Bank, die uns, weil auf dem Kopf stehend, Niemanden zum Sitzen einlädt. Dafür erhalten wir eine Interpretation: das Werk von Frank Schoppmeyer ist nämlich bei genauerem Hinsehen mit Edelstahldornen besetzt. Ein Hinweis auf die Versuche im städtischen Raum Obdachlosen, Landstreichern oder früher Wanderarbeitern – den in Amerika im letzten Jahrhundert sogenannten Hobos –  das Lagern zu erschweren. So krass hatte man es aber nur in London beobachtet wird mir erzählt.

Killernieten auf einer Bank von Frank Schoppmeyer

„Killernieten“ auf einer Bank von Frank Schoppmeier

Jetzt haben die übrigen „Marathonschreiber“ das Bakterienlabor gefunden. Ein Ladengeschäft zurück und durch die Keramikwerkstatt an fein strukturierten rauhen Porzellangefäßen vorbei, öffnet sich ein buntes Atelier und empfängt uns samt einer erwartungsfroh lächelnden, weißbekittelten Künstlerin.

Drei Petrischalen gefüllt mit besiedeltem Agar geben uns Gewissheit. Wir sind am Ziel.

Konfusion in weiss im Bakterienlabor von Janine Hönig

„Konfusion in Weiss“ (Teil der Skulptur) im Bakterienlabor von Janine Hönig

Gerade fällt es mir schwer, mich auf den neuen Raum einzustellen. Die Schwächelei spiegelt sich auch in meinem Text.

Die Müdigkeit überfällt mich. Also stütze ich mich auf einen hohen Materialstapel, der sich aus Styrodor- und Styroporplatten zusammensetzt. Obenauf die Tischlerplatte trägt einen Haufen Wellpappeabschnitte. Manche sind zu rundlichen Formen zusammengeklebt. Aufgestützt lasse ich den Blick durch den Raum wandern. Das Friedrichsche Eisgeschiebe kommt mir in den Sinn angesichts der Pappschnipsel und der kristallinen Styroporgebilde unterm Fenster.

Auf dem Dielenboden, wie plattgetreten, rundliche Formen. Zellen vor der Teilung, stelle ich mir vor. Denn da schimmern doch schon zwei schwarze Kerne durch die transparente Form. Das werden mehr, schießt es mir durch den Kopf! Aber possierlich anzuschauen sind sie schon. Jetzt bevölkern immer mehr Füße diese Amöben, sodass mein Blick an die Decke ausweicht.

Da kleben sie endlich, die Bakterienzellen. Dicht beieinander. Ganz heimlich still und leise warten diese unauffällig amorphen Zeitgenossen auf ihre Stunde. Und die Masse machts!

Amöben possierlich beieinander im Bakterienlabor von Janine Hönig

Amöben possierlich beieinander im Bakterienlabor von Janine Hönig

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Nach soviel Kunst und Kreativität, auch unsererseits, entscheiden Rita und Jürgen, sollten wir ein Glas Rotwein in der sommerlichen Abendsonne trinken. Glücklicherweise steht vor dem Bakterienlabor ein Sofa mit dem Hinweis „zu verschenken“. So eingeladen setzen wir uns und genießen die kreative Pause.

Auf dem Weg zur nächste Galerie kommen wir an einer Wandmalerei vorbei, von Tag zu Tag wachsen die Grotesken auf der Wand, wie wir an den nächsten beiden Tagen feststellen werden.

Wandmalerei in der Thomasstraße am Zugang zum Körnerpark

Wandmalerei in der Thomasstraße am Zugang zum Körnerpark

Die Galerie Kunstraum t27 in der Thomasstraße ist voll. Mehrere Videos laufen gleichzeitig. Ich gehe hindurch in den hinteren Raum.

Hier empfangen mich zwei altvertraute Geräusche: ein Gebläse und das Scharren eines Diaprojektors, wenn das nächste Dia zwischen Lampe und Linse geschoben wird. Das erzeugt bei mir eine positive Erwartungshaltung. Ich schaue gespannt in den Kasten, der als Leinwand dient und bin gebannt.

Meine Gedanken zu „Einkapuzen Entkapuzen“ von Azusa Kuno habe ich im folgenden Text festgehalten.

"Verkapuzen - entkapuzen" von Azusa Kuno, Diaprojektion

„Einkapuzen Entkapuzen“ von Azusa Kuno, Installation mit 42 Dias

Haarhäkelei

Lebenszeit in Haarlängen eingewachsen. Strähnen abgeschnitten – angeknüpft, abgeschnitten – angeknüpft. Solange bis ein langer Faden entsteht, ein Lebensabschnittsfaden?

Nun bildet das Strähnengarn unter ihren verschlingenden Händen Schlaufen die sich ineinander verhakeln. Vorwärtsstreben, sich im Rückwärts begegnen und schließlich doch vorankommen am aufgebauten Geschlinge, voller Umwege und Schleifen.

Schließlich ist die Metamorphose geglückt. Die glatte Ordnung verwandelte sich unter ihren Händen in eine verschlungene Häkelei.

Die Häkelmütze prüfend hin- und hergezogen passt dem Kopf …

… aber nicht mehr der Frau? – Ein Schnitt. Abgetrennt!

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Wir wandeln weiter zum Körnerpark und steigen hinab in den versenkten Garten. Die Fontäne links liegenlassend flanieren wir unter Platanen den Wasserlauf entlang und genießen die schlossartige Atmosphäre.  An der Orangerieterrasse angelangt, steigen wir die Stufen hinauf. Auf die Ballustrade gelehnt, schaue ich die feisten Putten unter uns an. Von hier aus hat man den gesamten Garten im Blick, am Ende die Fontäne vor der Kaskade.

An den Sonnenschirmen des Cafes vorbei betreten wir die Galerie.

„After the Rain“ heißt die Ausstellung von Jinran Kim in der Galerie im Körnerpark. Vorne hängen die schwarzweißen Aschegemälde zum kriegszerstörten Berlin, hinten findet die Performance  „Exercise in Futelity“ – Übung in Vergeblichkeit – statt. Hier setze ich mich auf einen Hocker und versuche zu verstehen, was geschieht.

Jinran Kim Exercise in Futelity - Übung in Vergeblichkeit im Körnerpark

Exercise in Futelity – Übung in Vergeblichkeit in der Galerie im Körnerpark. Im Hintergrund eine Frau Seifenblasen pustend und die Künstlerin Jinran Kim

Auf dem Holzpodest hockt eine junge Asiatin. Sie steht auf den Zehen, damit die Füße nicht nass werden und wischt vornübergebeugt das glänzendweiße Pflaster mit einem Lappen. Spült ihn in einer Schüssel aus und beginnt wieder mit dem wischen. An sich eine alltägliche Handlung. Jetzt erst erkenne ich die Pflastersteine als Kernseifenblöcke.

Da sehe ich meine Mutter vor mir und höre sie erzählen. Wenn meine Mutter sich an ihre Kindheit erinnert wird ihre Stimme oft bitter. Auch wenn sie beschreibt, wie sie in der alten Försterei im Solling, wo sie mit ihren Eltern und drei Brüdern Anfang der 1950er Jahre lebte, den in rotem Sandstein gefliesten Dielenboden schrubben und bohnern musste. Ich stelle mir vor, wie meine Mutter auf den Knien rutschend diesen roten Sandstein schrubbt, der rauh wie Schmirgelpapier an den Knien und Händen gerieben haben musste. Die Arbeit erscheint mir wie eine Strafe, eine Demütigung. Das schien mir auch ihre Stimme auszudrücken. Das Gefühl immer wieder herabgesetzt zu werden vor ihren Brüdern, die eine solche Arbeit nie tun mussten.

An diesen, aus meiner Sicht hoffnungslosen Versuch, Sandsteinplatten zum Glänzen zu bringen, erinnert mich die wischende Frau auf dem Podest, denn es ist kaum zu erwarten, dass sie dort in absehbarer Zeit eine Veränderung bewirken wird.

Sysiphos kommt mir in den Sinn. Die Vergeblichkeit seines Tuns.

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Im Dämmerlicht verlassen wir die Ausstellung von Jinran Kim in der Galerie im Körnerpark und laufen zur Karl-Marx-Straße hinunter.

In der 204 wandeln wir durch zwei Höfe und gelangen dann am Ende vor die Garagen. Zweifeld sehen wir uns um. rechts schwingt sich elegant und im Halbrund eine betonierte Abfahrt den Berg hinunter. Wir folgen dem Schwung ein Stockwerk tiefer und blicken in das Untergeschoß der Anlage. Ein Spalier aus Händen sagt uns hier sind wir richtig. Das sind die Artgaragen.

In einem niedrigen, von der Decke mit Leuchtstoffröhren erhelltem Gang, sehe ich als Erstes lustige Skulpturen aus Fahradschläuchen. Der spielerische Umgang mit dem Material gefällt mir. Ich stelle mir schon einen lockerleichten beschwingten Text vor, als mein Auge auf die Schlauchinstallation an der Wand fällt. Unwillkürlich kommt mir der leidende Christus in den Sinn und appeliert an mein Mitgefühl.

Zoltan Aladar Suhadja Wandinstallation aus Fahrradschläuchen in den artgaragen

Wandinstallation aus Fahrradschläuchen von Zoltan Aladar Suhadja in den artgaragen

Schwarz zusammengesunken und schmerzhaft verwunden,

Die Luft ist raus.

Von allen Göttern verlassen,

Oder nur von einem,

seinem.

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Als wir dann den letzten Text geschrieben haben, verabschieden wir uns von den Künstlern. Draußen ist es inzwischen stockdunkel.

artgaragen, Karl-Marx-Straße 204, Berlin, 48 Stunden Neukölln 2014

artgaragen, Karl-Marx-Straße 204, Berlin, 48 Stunden Neukölln 2014

Am nächsten Morgen schreibe ich meine Texte unter erschwerten Bedingungen ab. Ich hänge auf dem Bürostuhl vorm Rechner, ein nackter Fünfjähriger kauert auf meinem Schoß. Die Tastatur ist bedenklich weit weggerückt. Willi, so kann ich garnicht schreiben!“, stoße ich unwillig hervor. Ein eindringliches: „Mama, bei Dir ists so schön warm!“ überzeugt mich – Abgrenzung misslungen Haltungsschaden vorprogrammiert.

Am Sonntag, nach der zweiten Führung durch die Galerien, haben wir uns noch einen Wunsch erfüllt: „5 Minuten Sammler sein“! Das Frauenmuseum Berlin und zehn Künstlerinnen machten es möglich beim Kunstfestival 48 Stunden Neukölln.

5 Minuten Sammler sein mit dem Frauenmuseum Berlin und der Skulptur "Ellenbogengesellschaft" von Esther Glück auf dem Tisch

„5 Minuten Sammler sein“ mit dem Frauenmuseum Berlin und der Skulptur „Ellenbogengesellschaft“ von Esther Glück auf dem Tisch.